Bernd Henningsen

"Glaube ja nicht, daß du etwas Besonderes bist!"
Jante oder das skandinavische Gesetz des Mittelmaßes

Schwedische Politiksprache

Ugandische Politiksprache

Das "Gesetz von Jante", erstmals 1933 literarisch beschrieben, gehört zum skandinavischen Alltag wie Mittsommer, Knäckebrot und Wohlfahrtsstaat . dessen Beginn üblicherweise auch auf dieses Datum gesetzt wird. Wegen dieses genetischen Zusammenhanges wird man den janteschen Ordnungscodex gerne als elementar für die Wohlfahrtsmoderne interpretieren können (und für deren Untergang). Mit Jante ist ein ganz wesentliches Element der skandinavischen politischen Identität beschrieben, der Name dieser imaginären Stadt gehört seither zum festen Inventar der Symbolsprache Skandinaviens . Jante ist allgegenwärtig.
Der dänische Dichter Aksel Sandemose (1899.1965), der nach Norwegen auswanderte und Norwegisch schrieb, stellte das "Gesetz von Jante" Anfang der dreißiger Jahre in seinem (nicht sonderlich gelungenen) Roman Ein Flüchtling kreuzt seine Spur auf: Der Codex, in der Form den biblischen Zehn Geboten angeglichen, wurde in Skandinavien sprichwörtlich und verlor seine dänisch-norwegische Spezifität; er wird seither immer dann bemüht, wenn man die großen und kleinen Schwächen, die als nationale Eigenheiten gelten, erläutern soll: "Glaube ja nicht, daß du etwas Besonderes bist!"
Das Gesetz von Jante beschreibt den Kleinmut und das Minderwertigkeitsgefühl, das den Menschen im provinziellen Milieu anerzogen wird; es beschreibt die Vorherrschaft des Spießers, der in seiner bornierten Ignoranz alles besser weiß und der alle Qualität und alle Exzellenz niedermacht; was über sein Mittelmaß hinauskommt, erst recht was den Vorsatz hat, über das Mittelmaß hinauskommen zu wollen, wird sozial geächtet . denn diese zehn Gebote halten die Welt zusammen. Mit dem Jante-Gesetz ist der ewige, hoffnungslose Kampf gegen das intellektuelle und soziale Mittelmaß gemeint.
Jante ist jedoch nicht nur eine soziale Verhaltensnorm, sondern hat auch eine psychologische Dimension, insofern als Jante und der Puritanismus Furcht davor haben, man könne glücklich sein und dieses den anderen zeigen wollen. Der norwegische Regisseur Nils Gaup, der Sandemoses Roman verfilmte, sagt über Jante: "Das ist ein sehr konformistisches Gesetz, dem schwer zu entkommen ist. Es ist eine Mentalität, die in uns allen steckt."
Bei einer Analyse der nordischen Identität muß das Gesetz von Jante zentral behandelt werden, weil es die projizierte Situation Skandinaviens in der Welt abbildet, das skandinavische Selbstbild ist in der Metapher von Jante paradigmatisch zusammengefaßt: Geographisch meint man an der äußersten Peripherie zu liegen, geprügelt und be-raubt wurde man in der Vergangenheit und wird man immer noch von den anderen (die Dänen von den Deutschen, die Schweden von den Russen), geistig-kulturell kommt man gegen die anderen (vor allem die Franzosen, die Amerikaner und die Engländer) mangels Masse sowieso nicht an, und politisch wie ökonomisch hat man auch nichts zu bieten. Wenn . so die Jante-Philosophie . wir in die Europäische Union, in die Nato oder welch andere internationale Organisation auch immer eintreten, dann werden wir dort nichts zu melden haben, die anderen sind eh stärker und werden uns erbarmungslos ausnutzen...
Diese Karikatur des nationalen Selbstverständnisses . in der Tat gerne bemüht von den Karikaturisten . ist Ausdruck jenes "Totalgefühls", das bereits früher als skandinavische Lebensgrundlage beschrieben wurde. In ihm kommt das Leiden an der großen Welt, aber auch das Leiden an sich selbst zum Ausdruck.. Das Jante-Gesetz, wenn man es positiv wenden will, drückt die Fähigkeit zur Selbstkritik aus, einschließlich der Fähigkeit, sich über sich lustig zu machen . eine Eigenschaft, die Nordeuropäern besonders eigen und die besonders sympathisch ist.
Betrachtet man beispielsweise die jahrhundertelange dänische Debatte um die nationale Identität, so wird die Paarung aus Selbstkritik und Stereotypenkonstruktion deutlich. Ein Autor wie Ludvig Holberg (1683.1754) mag der erste in Skandinavien gewesen sein, der das Mittelmaß als sozial vorherrschende Eigenschaft beschrieben hat, freilich in Anlehnung an die klassisch-griechische Philosophie, also mit einer ausgesprochen positiven Konnotation: als die sokratisch- aristotelische Mediokrität, der Mittelweg, die Tugend des gerechten Abwägens. Holbergs Analyse wird im späten 19. Jahrhundert von Georg Brandes (1842.1927) fortgeführt, der den agrarischen und kleinbürgerlichen Charakter der dänischen Gesellschaft positiv herausstellt, was schließlich durch Nikolai Fredrik Severin Grundtvig (1783. 1872) zum zentralen Bestandteil des dänischen politischen Selbstverständnisses erklärt wird. Durch Grundtvigs Erfindung der Volkshochschule bekommt dieses Konzept Bedeutung für die anderen Länder, wird sozusagen zu einem gemeinskandinavischen Auto-stereotyp.
Gilt Holberg als der Vater der dänischen Literatur, so legte Grundtvig den Grundstein zum Bau des politischen Selbstverständnisses der dänischen Nation; noch heute ist er im dänischen Kirchengesangbuch der am häufigsten abgedruckte Autor. Sein wohl bekanntestes Gedicht ist das von den flachen Hügeln, in dem zugleich von den sozialen Vorzügen der dänischen Gesellschaft die Rede ist: "Weit höhere Berge gibt's weit in der Welt / Als bei uns, wo ein Berg nur ein Hügel ist; / Aber wir Dänen sind zufrieden mit der Ebene / Und den grünen Hügeln im Norden; / Wir sind nicht geschaffen für Höhen und Wind. / Auf der Erde zu bleiben, das dient uns am besten."
In dem Zusammenhang ist auf einen anderen dänischen Autor zu verweisen, der heute weitgehend vergessen ist, auf Hans Vilhelm Kaalund (1818.1885); eines seiner Gedichte hat in Dänemark identitätsstiftende Berühmtheit erlangt und gilt als treffendste Beschreibung dänischer Identität überhaupt: "Bleibe schlicht, bleibe schlicht, / so sang es immer in meiner Seele / wenn ich auf Flügeln der Phantasie / mich keck vom Boden schwingen wollte. / Alles andere wird sich rächen, / ist nur Streit und Untergang. / Bleibe schlicht, bleibe schlicht, / das ist des Lebens Siegeshymne."
Die Verherrlichung der Einfalt, des einfachen Lebens, der Bodenständigkeit, die diese Autoren besingen, hat zum einen zu tun mit den Ursprüngen der skandinavischen Gesellschaften im Bauerntum. Auch die Philosophie von Jante ist ganz wesentlich eine bäuerliche, die erst mit dem Übergang in das Industriezeitalter problematisch wird. Zur Einordnung von Jante (eine schwedische Variante heißt "Grönköping") gehört daher, daß ihre fiktive Wirklichkeit entstand, als in Skandinavien Modernität und kultureller Modernismus einzogen: in der Zwischenkriegszeit. Die sozialen Erfahrungen und die gesellschaftlichen Umbrüche, die Aksel Sandemose in seinem Roman schildert, sind deshalb spezifisch skandinavische, weil diese Gesellschaften erst relativ spät industrialisiert und mit der neuen Arbeitermentalität konfrontiert wurden. Insofern entsteht der Roman und wird eine Aufsteigermentalität synchron geschildert nach den depravierenden Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, als auch moderne Parteien entstehen mit ihren spezifischen Stadt-Land- und Landwirtschaft-Industrie- Gegensätzen.
Des weiteren gehörte mehr als in anderen Gesellschaften die Stilisierung der Armut zum politischen und gesellschaftlichen Selbstverständnis, so daß noch heute Armut, Bescheidenheit, Gleichheit als ganz selbstverständlich akzeptierte Tugenden der skandinavischen Länder gelten . deshalb konnte das Prinzip Arbeit so zentral für den skandinavischen Wohlfahrtsstaat werden, denn über die Arbeit wird der simpelste und sicherste Weg beschritten, Armut zu überwinden. Nicht nur für Grundtvigs und Kaalunds Dichten ist die Erhebung der Bescheidenheit und der Armut zur sozialen Tugenden wichtig; es ist vor allem der Schwede Carl Jonas Love Almqvist (1793.1866), der mit seinem Essay Die Bedeutung der schwedischen Armut (1835) die Armut zu einem Wesensmerkmal der Nation überhaupt erklärt. Das, was es im Überfluß gibt, nämlich die Armut, wird zur Tugend erklärt, damit sind alle in die nationale Gemeinschaft aufgenommen. Sein zum Sprichwort gewordener Satz, mit dem das Besondere der Nation beschrieben wird, daß nämlich nur Schweden schwedische Stachelbeeren hat, zeugt von Bescheidenheit, aber auch von Witz und Selbstironie.
Selbst wenn man kein Anhänger von Ausschließlichkeitserklärungen nationaler Besonderheiten aus der Literatur eines Landes ist, so soll in diesem Zusammenhang darauf verwiesen werden, daß es eine ganze Reihe von herausragenden Beispielen der Armutsdarstellung und -problematisierung in den nordeuropäischen Literaturen gibt: Der Mangel wird heroisiert, der Arme veredelt: Henrik Pontoppidans Hans im Glück, Knut Hamsuns Hunger und Segen der Erde, die schwedische Arbeiterliteratur der Zwischenkriegszeit... Und wenn man sich die traurigen Motive der finnischen Nationalmalerei des 19. und 20. Jahrhunderts anschaut, dann kann man auch Finnland hinzunehmen.
Das Gesetz von Jante ist in allen zivilisierten Ländern zu finden, es besteht keine Veranlassung, die skandinavischen Beispiele mit besonderer Schadenfreude zu bewerten. Der bemerkenswerte Unterschied ist allerdings, daß nur die Skandinavier einen besonderen Begriff für die Mechanismen der psychischen und sozialen Kontrolle haben. Wer kennt nicht das alltägliche Mobbing im Büro, die gewöhnlichen Hinterhalte am Arbeitsplatz, das Ignorieren von Einzelleistungen in der Gruppe, die schier unüberwindliche Rangordnung in der Familie, die argwöhnische Beobachtung und Kommentierung von singulären Verhaltensweisen, schließlich die Mythen der Institutionen. Erfahrungen dieser Art werden von Aufsteigern gemacht, und sie sind typisch für das Lebensgefühl des Industrialisierungszeitalters insgesamt. Das soziale und intellektuelle Niederhalten dessen, der nach oben will, ist ein Merkmal der Modernisierung von "alten" Gesellschaften (die Ausnahmen bestätigen die Regel) . in den "neuen" Gesellschaften findet der Millionär hingegen, der als Tellerwäscher begonnen hat, Bewunderung.
Die Grundlage der skandinavischen Allgegenwart von Jante und dessen Verankerung im kollektiven Gedächtnis ist eine im späten 18. Jahrhundert verwurzelte und seither gepflegte und verstärkte Erziehung zur Gleichheit; die politischen und sozialen Daten für diese Begründung sind vielfältig: eine staatliche Verwaltung, deren Ziel die Erfassung aller Staatsbürger war, ein früh einsetzendes allgemeines Schul- und Ausbildungswesen, eine relativ ausgewogene Klassengesellschaft mit relativ geringen sozialen Gegensätzen, sprachlich, ethnisch, religiös und kulturell homogene Gesellschaften etc., bis schließlich der moderne Wohlfahrtsstaat mit seiner Maxime des sozialen und materiellen Ausgleichs von Interessen und Lebenswirklichkeiten die Gleichheit zum obersten Politikziel machte.
Und doch ist diese Diagnose nur halb richtig, denn die soziale Gleichheits-Erklärung steht quer zum "Geist des Kapitalismus", der aus dem Protestantismus kommt und der auf Brillanz angewiesen ist. Behauptet doch gerade diese Erklärung, daß die von Gott materiell gesegnete hervorragende Leistung ihren Ursprung in der Lobpreisung hat. Der Spruch über einer Haustür in der Danziger Jungfrauengasse . den hansischen Koofmichs als Lebenssinn vor Augen gestellt und nach dem Zweiten Weltkrieg von Polen liebevoll restauriert . markiert eindringlich die zwei sozialen Welten: "So es Gott behagt, lieber beneidet als beklagt."
als beklagt."
Der Widerspruch, der sich hier auftut, ist einer auf der Ebene der Sozialpsychologie: Auf der einen Seite ist die exzellente individuelle Leistung für die Modernisierung von Gesellschaften vonnöten (das steht hinter der Weberschen "protestantischen Ethik des Kapitalismus"), andererseits sind die Hervorhebungen des Besonderen innerhalb der hierarchisierten Gruppe für die anderen unerträglich. Das Gesetz von Jante ist insofern die besondere skandinavische Steigerungsform des protestantischen Geistes des Kapitalismus in seiner sozialdemokratischen Form; sie konnte sich deshalb steigern, weil der Protestantismus bereits seit der Reformation zur alleinigen Religion und Wertehaltung wurde, also eine Art Erklärungsmonopol im Sinnhaushalt dieser Gesellschaften behaupten konnte. Das Gesetz des Mittelmaßes, das seit Holberg zur Norm wurde, erfährt im Zuge der Industrialisierung und Modernisierung sein sozialpsychologisches Pendant, das die Ruhe zur Aufrechterhaltung der innergesellschaftlichen Balance erklärt: Lieber die Armut als Tugend akzeptieren, als den verpaßten Aufstieg zu Luxus und Wohlstand beklagen.
Der vermeintliche (oder der tatsächliche) Verstoß gegen die sozial und kulturell verfügte Gleichheit ist für alle leicht ablesbar an ungleicher Bezahlung; an der individuellen Entlohnung sind die Verstöße gegen das Nivellierungsgebot von Jante in harter sozialer Währung ermittelbar: Neid ist eine weitverbreitete Sünde, gierig aber darf man nicht sein (im Schwedischen ist das Wort für "gierig" und "geizig" dasselbe); und wer ein bißchen über dem Durchschnitt verdient, steht leicht im Verdacht, gierig zu sein. Mit Themen zu Gier und Neid werden daher vor allem in Schweden gerne die Spalten der Zeitungen im Sommerloch gefüllt. Political correctness ist daher eigentlich ein skandinavisches, ein schwedisches Thema.

Schwedische Politiksprache

Es kann somit auch nicht verwundern, daß die schwedische Politiksprache für diesen sozialdominanten Zug einen eigenen Begriff hat, der mit dem Jante-Phänomen in Zusammenhang steht: "die königlich schwedische Eifersucht". Die öffentliche Behandlung von Gier und Neid ist auch deshalb von besonderem sozialpsychologischem Interesse, weil diejenigen, die nach schwedischem Maßstab viel Geld verdienen . die Wirtschaftsführer ., im internationalen Maßstab eher Kleinverdiener sind und ein bescheidenes Leben führen; jedenfalls spielen ihre Gehälter für die Gesellschaft und die Unternehmen ökonomisch keine belastende Rolle. Jede Diskussion in Schweden über die Verlegung von Firmenhauptquartieren und von Steuerentlastung (weil man im Ausland besser verdienen kann) für die Bildungs- und Wirtschaftseliten ist darum immer auch eine unter der verdeckten Überschrift des Jante-Gesetzes.
Unter diesem Konformitätsgesetz gehört das Leben in Luxus zu den (politisch- sozialen) Todsünden im Wohlfahrtsstaat; Reichtum muß versteckt werden, sich schmücken ist gesellschaftlich verpönt, der schlechte Geschmack in Fragen der Kleidung (in Dänemark eine Nationaltugend) ist nicht nur in den unteren Schichten weit verbreitet. Als besonders verwerflich gilt das Leben in Luxus bei Politikern. Hier schreibt das Gesetz von Jante vor, daß Politiker sich eher finanziell ruinieren, als daß ihnen eine Staatswohnung steuerfrei zur Verfügung gestellt wird.
Das Jante-Gesetz beschreibt aber auch eine passive Aggressivität, mit der nur derjenige einigermaßen zurechtkommt, der mit dem Gesetz groß geworden ist. Zwar gelten die skandinavischen Gesellschaften auch in ihren alltäglichen nicht-politischen Entscheidungsprozessen als liberal und demokratisch strukturiert. Doch nur der glaubt diesem Anschein, der die Wirklichkeit von Jante nicht kennt, der die Gesetzmäßigkeiten der Alltagstyrannei nicht wahrnehmen will oder kann. Gerade bei Sandemose war der kritische Ausgangspunkt seiner literarischen Analyse, daß diesen Gesellschaften mit ihrem bäuerlichen Ursprung ein hohes Maß an innergesellschaftlicher Aggression und Gewalt zu eigen ist. Die Aggressionsbereitschaft ist zwar eine mit freundlichem Antlitz; im wirklichen Leben kann sie aber über die metaphorische Dimension hinaus durch- aus mörderisch sein . das war schließlich das Thema von Sandemoses Roman.
Einwanderung, Globalisierung und Internationalisierung sind die größten Feinde von Jante und werden Veränderungen im kollektiven Seelenhaushalt bewirken. Der Gegensatz von Ich und Wir wird naturgemäß bleiben und damit auch das Gesetz von Jante. Schließlich ist der Begriff in den skandinavischen Gesellschaften, in ihren politischen Sprachen und der sozialen Symbolik tief verankert: Er beschreibt die Mühsal und die Opfer der Modernisierung. Was bleibt, ist das Staunen über die Allgemeingültigkeit des Begriffs; er wird nicht wegen der Universalität des beschriebenen Problems überleben, sondern wegen der langen Begriffsgeschichte und der darin offenbar werdenden sozialpsychologischen Wahrheit.